Side nav buttonsimpressumarchivkuenstler_portalpresseaktuell

Künstler Portal

Walter Gramming



"Gute Arbeit für ALLE",
2009, Rauminstallation

Gute Arbeit (für alle) Installation, Walter Gramming 2009

Als Einer, der seit 1981 auf dieser Potse wohnt, immer nur Beobachter und (vielleicht leider) nie Kunde war, habe ich hier etwas hingestellt.
„Eh, das sind Mädels, die kannste koofn“ bedeutete ein kaum Zehnjähriger mir, dem Fünfundzwanzigjährigen, als wir in den 70-ern an meinem Hauseingang vorbeiliefen. Seit dieser Zeit habe ich die Potsdamer Straße als scheuer, aber aufmerksamer, beinahe voyeuristischer Flaneur miterlebt. Wie im schwarz-gelb gefliesten Bar-Eingang Kunden vor der Tür bedient wurden, wie Mädchen vor verdutzten Männern spontan ihre Pullover hoben, um lachend die blanken Brüste zu zeigen. Es standen zwei Zwillingsschwestern, blonde Hüninnen in unserem Hauseingang und ein AR Penck flehte mich von einer Telefonzelle aus an, ihn zwischen sie hindurch in unsere Wohnung -zu begleiten. Ja, käufliche Damen können Angst einflößen.

Das meint vielleicht der Wäscheständer: man war zwangsläufig intim. In den hinteren Straßen, wie der Froben: die Spielarten des gender. Man musste an denen vorbei, wie an bellenden Hunden. Zugleich vielleicht erregt. Die Kioske, Imbisse alltägliche und allnächtliche Aufenthaltsorte – Pausenfüller für Bewohner und Sex-ArbeiterInnen. Man hat also buchstäblich seine Unterwäsche geteilt.

Was die nun quasi gewerkschaftlichen Forderungen betrifft: Gute Arbeit (für alle), da habe ich kürzlich Klaus Staeck über die Schulter geschaut beim Eintrag in das Besucherbuch zu der Installation Raffael Rheinsberg und Lilli Engel im Bunker Pallas - Ecke Potsdamer Straße. Er schrieb „Gute Arbeit“. Ich dachte: „Gute Arbeit“ als Qualitätsbezeichnung soll nicht nur einem Künstler-Duo (noch zumal in derselben Straße) sondern auch der Arbeit einer Hure zugedacht werden. Also schreibe ich „Gute Arbeit (für alle)“ auf ein rotes Transparent. Daneben der Wäscheständer.

Vielleicht ist es immer noch die Geste jener, im ganzen Viertel bekannten, spanischen Transvestitin, die vor den schwarzen Kacheln mit gelben Einsprengseln vor jener Bar ihre Hand mechanisch bewegte, vielleicht ist es jene Geste, die mich zu dem gelben, sich vom Wind des Ventilators bewegten Handschuh veranlasst hat.

Die Potsdamer Straße ist längst bereinigt. Moralisch saniert. Zustände, die man nicht selbst verursacht, ist man als Mensch in seiner Lebenszeit oft genötigt hinzunehmen. (Wir hier sind nur gelinden Veränderungen unterworfen.) Von der beinahe persönlichen zur beinahe industriellen Prostitution sind es gesellschaftliche und politische Schritte gewesen, die auch wir mitzuverantworten, von denen wir, die Bewohner vielleicht auch profitiert haben.
Für mich, als Mann sind diese Straßen und Winkel, die Mädchen und Frauen immer verbunden mit einer gehörigen Portion Phantasie und Projektion – jedenfalls spannender, als durch die öden Gassen einer westdeutschen Kleinstadt zu latschen! Bleib so, Potse!

Gerhard Haug



"Die Teilung des Realen",
2009, zwei Video-Regale




"Die Gedanken der Venus von Willendorf",2009, Rauminstallation

Gerhard Haug, 2009

Umformen ist der Oberbegriff für alle Fertigungsverfahren, dies gilt auch für die Kunst. Die Darstellung von „etwas“ durch „etwas anderes“ führt notwendigerweise zu einem Allegorie-Findungsprozess.

Die Allegorie ist Ausdruck einer indirekten, sinnbildlichen Aussage, die es mir ermöglicht, aktuelle Verweise und Zusammenhänge künstlerisch mit meiner individuellen Weltwahrnehmung und Weltaneignung zu verbinden.
Meiner Anschauung zufolge können derartige Erkenntnisse über diese Welt – ohne dabei belehrend und erklärend sein zu müssen – künstlerisch nur mittels Symbolen, Kultgegenständen und Kulthandlungen verdeutlicht und überliefert werden.

Die bildliche Darstellung des Menschen gehört zu den ältesten künstlerischen Ausdrucksformen unserer Gattung.
Der bekannteste Mythos in der europäischen Kulturgeschichte ist wahrscheinlich der von Adam und Eva im Garten Eden und deren Vertreibung daraus.
Diesem Mythos folgt die 'Erinnerung' der Menschheit an ein vermeintlich „Goldenes Zeitalter“, das bis in unsere Zeit lebendig ist und – je nach kulturellem oder religiösem Dafürhalten – die Vision, es möge in der Zukunft wiedererscheinen.

1. Arbeit: „Die Teilung des Realen“ ist eine Video-Installation aus zwei Video-Regalen und bezieht sich inhaltlich auf den gleichnamigen Text von Clément Rosset in seinem Buch: Regime der Leidenschaft. (1)
Bewusst stelle ich mich mit dieser Arbeit am Standort “Love, Sex and Dreams“ in die thematische Tradition der „Paradiesdarstellungen“ von Albrecht Dürer, Lucas Cranach d. Ä. und vielen weiteren Künstlern.

2. Arbeit: „Die Gedanken der Venus von Willendorf“ ist meine zweite Hommage an den japanischen Video-Künstler Nam June Paik. Sie übersetzt die möglichen Gedanken, Träume und Hoffnungen der Venus von Willendorf in unsere Gegenwart.

Die Entscheidung, diese Arbeiten bewusst nicht im „White Cube“ eines Museumsraums zu zeigen, schließt direkt an mein Arbeitskonzept für die Video-Installation „Time Base Corrector“ von 2008 an (mit 10 thematisch korrespondierenden Video-Arbeiten auf 10 Monitoren, präsentiert in einem Berliner Blumengeschäft).

Die aktuellen Arbeiten verweisen darüber hinaus auf die Fragestellung, inwieweit moderne Kunst oder „Kunst an sich“ vom Betrachter überhaupt 'kontextfrei' wahrgenommen werden kann.
Die Gestaltung eines besonderen Ortes, in diesem Fall des „öffentlichen“ Schaufensters – insbesondere an diesem augenblicklich kontrovers diskutierten Brennpunkt mit seinem sozialen und gesellschaftlichen Umfeld – erscheint mir als eine äußerst spannende künstlerische Herausforderung!
Ich bin sehr neugierig auf die Reaktionen des Publikums.

(1) Clément Rosset: Regime der Leidenschaft, Deutsche Ausgabe, Berlin 2002, Seite 101 ff.

Rolf Hemmerich



"Schlüssellöcher", 2009,
Rauminstallation





"Sündenfalle", 2009,
Rauminstallation


Rolf Hemmerich, 2009

Die spielerische Lust an der Kunst
entspringt dem anarchisch Imaginären,
das keine harten Fakten
und keine sterilen Ideologien,
aber auch keine Moral
und keine Treue kennt.
(Gert Mattenklott)

Drei Installationen:

"Sündenfall"
"Schlüssellöcher"
"Laufhaus"

Zusammen mit drei anderen Künstlern werde ich am 1. November 2009 an diesem
ungewöhnlichen Ort unsere Ausstellung “KUNST IM SCHAUFENSTER“ eröffnen.
Das Besondere dieser Präsentation:
Der Ort selber in all seiner Gewordenheit im öffentlichen Raum wurde zum Thema:
Sex und Pornografie im Kiez.
Eine entblößte Tabuzone lässt die Hüllen fallen und verwandelt ihr Äußeres:
Verheißung und Versprechung. Oder ist es Blendwerk und Täuschung?
Verlangen und Befriedigung oder schnöde Ökonomie?
Poesie oder Prosa?
Oder alles zusammen?
Wie in einem Vexierspiegel verlieren sich die Wahrnehmungen.

In den Installationen wird jeweils auf besondere Weise ein Aspekt des vielschichtigen Themas herausgegriffen und dargestellt.

Die Installation "Sündenfall" greift am Beispiel der Schlange alttestamentarische Mythen auf und stellt sie in heutige banale Zusammenhänge. Es ergeben sich völlig unerwartete Einblicke.

Öffentlich zur Schau gestellte "Schlüssellöcher" konterkarieren die eigentlichen Schaufenster, die doch nur verbergen, worauf sie eigentlich aufmerksam machen sollen.

Ein "Laufhaus" gibt es hier nicht. Deshalb wird seine Existenz nun in einer Installation auf besondere Weise erfunden und begründet.

Es sind plastische Darstellungen, im Wesentlichen aus Holz und Bronze,
die anlässlich dieser Präsentation und zu diesem subtilen Thema entwickelt worden sind.


Anita Staud



"Dreams", 2009,
Rauminstallation





"Dreams" (Detail), 2009,
Rauminstallation














–TOP-

Anita Staud, 2009

Eine Schaufensterinstallation in drei Ebenen:
... mit Zeichnungen, Fotos, Malereien von Prostituierten und anderen Sexarbeiterinnen sowie einem historischen Blick auf Grenzbereiche der Erotik...

Von Dezember 2008 bis Juni 2009 gab es eine Phase, in der ich erst sporadisch, dann 14-tägig mit Zeichenstift und Skizzenblock im Olga auftauchte und begann, den Besucherinnen vom Frauentreff Olga meine Anwesenheit vertraut zu machen, indem ich sie in mein schwarz-rotes Skizzenbuch porträtierte.

Nach einer Weile zeichnete die eine oder andere Frau mit...wir hatten jetzt immer eine lang fortlaufende Rolle auf dem Tisch, und während wir uns unterhielten, entstanden kleine Traumbilder auf dem Papier.

Einige dieser Zeichnungen haben als Fundstücke ihren Weg in die milchig-opake Backlightfolie in der Schaufensterfläche des LSD gefunden. Zarte malerische Strukturen verbinden die Zeichnungen der Frauen mit meinen Porträts. Schmale Durchblicke zeigen auf der Innenwand des Schaufensters Bilder aus einer Welt von Liebe, Sex und (Ver)-Käuflichkeit.

Im Jahre 2000 gab es in gewisser Weise einen Vorläufer zu diesem Projekt in der Potsdamer Straße 89: Damals bespannte ich die 20 m lange Fensterfront des zu dieser Zeit leerstehenden Ladens mit einer durchlaufenden Bahn roter Plastiktischdecke und ließ zwei rechteckige Felder als Durchblicke frei. Durch sie konnte man mich auf dem Boden hockend sehen, wie ich Tuschzeichnungen anfertigte. Der Laden bekam so eine Art Peep-Show-Charakter, allerdings sah der „Voyeur“ auf die Produktion von Kunst, statt auf Dinge, die sich üblicherweise in der Auslage eines Erotik-Kaufhauses befinden.
Jedenfalls aber gab es für den Betrachter genügend Spielraum für seine Phantasie...


- index/home -